Ban Nam Chiao - Ort des Friedens

Ban Nam Chiao - Ort des Friedens

In Ban Nam Chiao leben Buddhisten und Moslems seit Jahrhunderten friedlich zusammen. In jüngster Zeit setzen die Menschen hier außerdem auf den Ökotourismus und bringen damit ihre Lebensweise den Besuchern besonders nah. Der kleine Ort liegt inmitten von küstennahen Mangrovenwäldern und ist allein deswegen schon einen Besuch wert.

Über dem Wald geht gleich die Sonne auf. Stoisch blickt Marut in die grüne Wildnis. Ich selbst erkenne nicht viel in den vorbeiziehenden Mangroven. Die kühle Morgenluft liegt schwer auf der Landschaft und schluckt auch jeden Laut. Gerade höre ich das Plätschern der Bugwelle. Plötzlich hebt Marut den Arm und zeigt auf eine Stelle im Dickicht. Dann steigt ein Adler majestätisch empor. Die kräftigen Flügelschläge brechen die Stille und sind auch deutlich über dem leisen Tuckern des Motors zu hören. So nah sind wir an ihm dran. Dann stakst ein Reiher Pärchen, lautlos durch die Mangroven. Einer von ihnen sticht ohne Vorwarnung seinen speerförmigen Schnabel ins Wasser und zieht einen kleinen Fisch aus dem Wasser. Nach und nach scheint der Wald aus seiner Nachtruhe zu erwachen. An der nächsten Flussbiegung schreckt das Knattern des nahenden Bootes eine Gruppe Krabben auf einer kleinen Insel auf. Erst durch ihre chaotische Flucht in alle Richtungen werden sie überhaupt für mich sichtbar.

Wenig später kommen wir an die Mündung des Kanals. Hier fließt das Gewässer in den Golf von Thailand. Einige weitere Langboote liegen verstreut im seichten Wasser. Ihre Schiffsführer waten durch den trüben Schlick und bücken sich immer wieder bis ihnen das Wasser zum Hals reicht. Nach ein paar Sekunden des Wühlens heben sie ein oder zwei Krabben heraus. Marut schaltet den Motor aus und lässt das Boot zum Stillstand gleiten. Dann zeigt er auf mich und auf das Wasser. Die Stunde der Wahrheit: jetzt darf ich selbst mein Glück beim Krabbenfangen versuchen. Etwas zögernd klettere ich über Bord. Das Wasser ist trüb, der Grund nicht sichtbar, aber dafür nur etwa hüfttief. Meine Füße sinken in den schlammigen Grund und ich spüre etwas Hartes und Glattes unter einer Sohle. Ist das schon ein Krebs? Ich greife unter meinen Fuß und grabe ein wenig... und tatsächlich! Ich packe das Tier, vermutlich von vorne, denn es zwickt mich leicht mit einer Schere. Doch mein Jagdinstinkt ist stärker als der kleine Schmerz und schnell hebe ich die Krabbe aus dem Wasser.

Marut beglückwünscht mich zu meinem Erfolg. Jetzt habe ich Blut geleckt und mache weiter. In der nächsten viertel Stunde finde ich noch ein Dutzend weitere Krabben. Vier davon lege ich in meinen Fangkorb, die anderen werfe ich wieder zurück, weil sie noch zu klein sind. Als Beifang finde ich außerdem mehrere Hände voll Muscheln. All diese Leckereien kommen in einen Korb und landen heute Mittag frisch im Kochtopf. Wir werden gemeinsam mit ein paar Einwohnerinnen Ban Nam Chiaos lokale Rezepte zubereiten und genießen. Ich freue mich schon darauf. Während ich vom Mittagessen träume winkt Marut mich zurück an Bord. Im nächsten Augenblick weiß ich warum: In der nicht so weiten Ferne hat sich aus dem Nichts eine riesige, dunkle Wolkenwand aufgebaut. Und dann grollt es auch schon aus dem Wolkenturm. Das bedrohliche Donnern macht mich etwas nervös, aber als Marut das merkt lächelt er mir zu und streicht kurz mit der flachen Hand über die bunte Stoff- und Blumengirlande am Bug des Bootes. Sie wird uns beschützen will er wohl damit sagen. Und es beruhigt mich als mir an allen anderen Booten in der Mündung derselbe Schmuck auffällt. Eine Huldigung der Fischer an die Geister des Wassers und der Göttin der Reisenden. Gelassen und ruhig ziehen die anderen Crews ihre Netze ein, andere werfen sie sogar wieder aus und lassen sich von dem nahenden Gewitter überhaupt nicht beeindrucken.

Als es kurz darauf trotzdem zu nieseln beginnt, reicht mir Marut seinen „Ngop Nam Chiao“. Der typische Hut aus den Blättern der Atap-Palme ist handgeflochten und schützt wunderbar vor Regen und Sonne. Das Flechten werde ich heute Nachmittag auch ausprobieren können. Die Aktivitäten sind ebenfalls Teil des lokal organisierten Ökotourismus-Erlebnis, das sich die Einheimischen der Gemeinde in den letzten Jahren ausgedacht haben. Dabei trägt jeder Einwohner seine besonderen Fertigkeiten bei, um ein möglichst umfangreiches Erlebnis für die Besucher zu ermöglichen. Fischer, Köche und Hutflechter – nur um ein paar zu nennen. Getreu dem hiesigen Motto „Ein Makrelenboot kann keine Krabben fangen“, fischt hier dennoch keiner in den Gewässern des anderen, denn es ist genug für alle da. Ein wahrer Ort des Friedens eben.

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