Thailand trauert um Königinmutter Sirikit

Thailand trauert - Königinmutter Sirikit und ihr Vermächtnis

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Thailand trauert. Es trauert um seine geliebte Königinmutter, die im Alter von 93 Jahren verstarb. Mit ihr hat das Land eine Monarchin verloren, die zeitlose Eleganz, Anmut und Schönheit verkörperte. Mehr als nur eine Königin wurde Königin Sirikit als die wahre „Mutter der Nation“ verehrt – eine Identifikationsfigur, die ihr ganzes Leben dem Dienst am Volk widmete. Ihr Wirken und ihre Hingabe prägten Thailand über mehr als sieben Jahrzehnte. Sie begleitete Seine Majestät König Bhumibol Adulyadej bei jeder Herausforderung, stets mit unerschütterlicher Loyalität und einer bedingungslosen Liebe für ihr Land und seine Menschen. Die Königin war eine Monarchin, deren Einfluss weit über Palastmauern hinausreichte: eine Visionärin, deren Herz für Kultur, Kunst, Natur und Menschlichkeit schlug.

Europa und internationale Anerkennung

 

Es ist sicher kein Zufall, dass die Königin gerade in Europa als ideale Verkörperung der modernen thailändischen Frau geshen wurde. Ihre frühe Bildung als Diplomatentochter prägte ihre Weltgewandtheit und ihren Blick für internationale Beziehungen und Kultur. Königin Sirikit und König Bhumibol hatten sich während des Studiums des Königs in der Schweiz kennengelernt – der Beginn einer außergewöhnlichen Partnerschaft. Weltweit wurde die Königin später als elegante Botschafterin Thailands wahrgenommen. Bei Staatsbesuchen beeindruckte sie mit Herzlichkeit, diplomatischem Geschick. Die Medien feierten die Monarchin als Stilikone mit internationaler Ausstrahlung, Modemagazine wie die Vogue widmeten ihr eigene Ausgaben.

Wenn sie an der Seite König Bhumibols die Welt bereiste, kreierten Designer wie Pierre Balmain oder Valentino für sie elegante Outfits, die traditionelle thailändische Stoffe mit westlicher Haute Couture verbanden – und so die Schönheit thailändischer Textilkunst weltweit sichtbar machten. Doch Mode war für die Königin nie bloßes Accessoire; sie war Botschaft und Instrument, um der Welt die Seele Thailands nahezubringen. Wie sie selbst sagte:

„Ich bin stolz darauf, dass jeder Thailänder das Blut eines Handwerkers in sich trägt. Alles, was sie brauchen, ist eine Gelegenheit zu lernen, und sie werden ihr Können unter Beweis stellen.“

Kultur, Kunst und Inspiration

 

Vor allem aber erkannte die Königin den ureigenen Wert der thailändischen Kultur, der Lebensweise des Volkes, seiner Kunstfertigkeit und seiner spirituellen Stärke. Sie bestärkte die Menschen darin, an ihren eigenen Wert zu glauben, und nutzte Kunst und Kultur als Instrumente der Inspiration. Davon zeugen besonders die Projekte, die sie ins Leben rief oder kulturelles Erbe, das sie rettete.

Seide, Thailand

Textilkunst

 

Eine ihrer bedeutendsten Verdienste ist die Bewahrung der thailändischen Textilkunst. Wenn Königin Sirikit das Land bereiste, besuchte sie abgelegene Dörfer, sprach mit Familien, hörte den Einheimischen zu und sah die jahrhundertealten Traditionen. Besonders berühmt wurde ein Moment, als sie beim Besuch eines kleinen Dorfes im Nordosten Frauen in farbenprächtigen Phrae-Wa-Stoffen sah. Sie fragte die Weberinnen lächelnd:

„Könntet ihr so etwas für eine Königin fertigen?“
Kurz darauf sagte sie ihnen sinngemäß:
„Eure Stoffe sind ein Schatz. Hüten wir ihn gemeinsam und zeigen wir ihn der Welt.“

Diese Begegnung führte zur Aufnahme des Dorfes Ban Phon in die von ihr gegründete SUPPORT Foundation. Die Weberinnen erhielten durch die Unterstützung der Königin eine neue Wertschätzung: Sie konnten breitere Stoffbahnen herstellen, geeignete Designs für moderne Schneiderkunst entwickeln und gleichzeitig ihre traditionelle Handwerkstechnik bewahren. Diese Seidenstoffe, in der komplizierten Ikat-technik gefertigt, wurden als „Queen of Thai Silk“ bekannt und zu einem Symbol für Thailands Handwerkskunst. Generationen von Handwerkerinnen fanden durch dieses Projekt wirtschaftliche Sicherheit, während Thailand ein wichtiges Stück seines immateriellen Erbes zurückgewann.

Khon, Thailand

Darstellende Künste

 

Von ähnlicher Bedeutung war die Unterstützung für den Erhalt der darstellenden Künste. Der Khon, ein klassischer thailändischer Masken-Tanz, der von aufwändigen Kostümen und traditioneller goldener Rahmenstickerei lebt, drohte zu verschwinden, bis Ihre Majestät das Khon Conservation Project gründete. Sie versammelte Meisterhandwerker, die bereit waren, ihr Wissen an die junge Generation weiterzugeben – ein Vermächtnis, das bis heute fortbesteht. Dank ihrer Initiative entstanden die prächtigen Royal Khon Performances, die als Inbegriff thailändischer Bühnenkunst betrachtet werden und längst UNESCO-Weltkulturerbe sind. Die Kostüme und Masken spiegeln nicht nur mythologische Erzählungen wider, sondern auch die Hingabe und handwerkliche Meisterschaft, die Ihre Majestät so schätzte.

Mangroven, Thailand

Umwelt- und Naturschutz

 

Doch die Förderung von Kunst und Kultur war für Königin Sirikit nur ein Teil ihres Wirkens. Ebenso leidenschaftlich setzte sie sich für die Bewahrung der Natur ein. Viele ihrer Projekte zielen darauf ab, das ökologische Gleichgewicht Thailands zu sichern. Besonders verbunden war sie der Welt der Orchideen, deren Vielfalt und Symbolik sie faszinierten. Unter ihrer Schirmherrschaft wurden Programme zur Erhaltung seltener Orchideenarten aufgebaut, botanische Gärten unterstützt und Forschungsvorhaben gefördert, um bedrohte Arten zu erhalten. Auch der Schutz der heimischen Tierwelt wurde ihr zu einem zentralen Anliegen: Sie setzte sich für Wildtiere ein, die durch den Verlust ihres Lebensraums gefährdet waren und unterstützte Projekte zur Wiederauswilderung. Ihre besondere Aufmerksamkeit galt dem Erhalt der Meeresschildkröten. Die Förderung von Brutstationen, die Sicherung von Nistplätzen und Kampagnen zur Sensibilisierung der Bevölkerung gehörten zu den Maßnahmen, für die sie sich persönlich einsetzte. Ihre Vision war klar: Für sie war intakte Natur kein Luxus, sondern Grundlage für ein harmonisches Zusammenleben von Mensch und Umwelt. 

Damit ergänzte sie nachdrücklich die konservatorische Arbeit des Königs:
„Der König ist das Wasser, ich werde der Wald sein, der Wald, der dem Wasser treu ist. Der König schafft Stauseen, und ich werde Wälder schaffen.“

Bei den Projekten verband sie sowohl ökologische als auch soziale Verantwortung miteinander. Ein Beispiel dafür ist das Ban Lek Nai Pa Yai Project („Small House in the Big Forest“), das die Zerstörung von Bergwäldern stoppen soll und zugleich die Lebensbedingungen der Bergvölker zu verbessern. Statt die Menschen als Eindringlinge in die Natur zu betrachten, vermittelte die Königin den Gedanken, dass „Menschen nachhaltig mit dem Wald koexistieren können.“ Die Dorfbewohner erhielten feste Anbauflächen, während sie im Gegenzug die umliegenden Wälder schützten. Damit verwandelte sie ganze Regionen von Konfliktzonen in Beispiele für ein Leben im Einklang mit der Natur.

Arts of the Kingdom Museum, Thailand

Institutionen und Vermächtnis

 

Über sieben Jahrzehnte hinweg setzte Ihre Majestät Königin Sirikit Mitgefühl in die Tat um. Ihr Vermächtnis lebt fort durch zahlreiche Institutionen, die sie gründete und förderte:

  • SUPPORT Foundation: Stärkung ländlicher Gemeinschaften und Bewahrung thailändischer Handwerkskunst.
  • Arts of the Kingdom Museum: Würdigung der Kreativität thailändischer Handwerker:innen.
  • Queen Sirikit National Institute of Child Health: Verbesserung der Gesundheitsversorgung von Kindern.
  • Queen Sirikit Museum of Textiles: Schutz des kulturellen Erbes.
  • Queen Sirikit Centre for Breast Cancer: Unterstützung der Frauengesundheit.
  • Umwelt- und Wildtierprojekte: Förderung von Nachhaltigkeit und Bewusstsein.

In all diesen Projekten spiegelt sich ihre Vision wider, sie selbst sagte:
„Ich bitte alle Thailänder, einander wie Geschwister zu lieben und gemeinsam eine stabile Nation aufzubauen. Nur durch Liebe und Einheit kann unser Land überleben.“

Die Menschen liebten die Königinmutter, weil sie ihnen nah war – nicht nur in Gedanken, sondern im täglichen Leben. Persönlich reiste sie in die entlegensten Regionen des Landes und schenkte ihren Untertanen nicht nur Unterstützung, sondern auch Würde. Sie gab ihnen das Gefühl, dass ihre Traditionen einen ideellen Wert darstellen. Ihr Vermächtnis ist eines der Schönheit, der Güte und der Inspiration. 

Ein lebendiges Erbe – für Thailänder und Besucher 

 

Königin Sirikits Initiativen prägen das Bild eines Landes, das auf authentische Erfahrungen, kulturellen Reichtum und die Bewahrung seiner Natur setzt. Wer Thailand bereist, begegnet dem Geist einer Monarchin, die das Land auf besondere Weise geprägt hat. Ihr Erbe bleibt sichtbar in den Händen der Kunsthandwerker, in den Stimmen der Dorfgemeinschaften, in den Projekten, die Natur und Kultur bewahren – und in den Erlebnissen, die Reisende aus aller Welt heute in Thailand sammeln.

Doi Pha Hom Pok National Park

Nachhaltiger Tourismus

 

Königin Sirikits Einfluss geht längst über die Grenzen sozialer Entwicklung hinaus – er bildet die Grundlage für nachhaltigen Tourismus. Besucher der Projekte können nicht nur die Schönheit des Landes erleben, sondern auch die Werte, die der Königinmutter wichtig waren. Auf ihren Spuren lernen sie eine Art des Reisens kennen, die Thailand nachhaltiger und vielfältiger macht. Dieser Ansatz findet sich in zahlreichen Community-basierten Projekten.

Khon, Bangkok

Reiseziele und Erlebnisse – inspiriert von Königin Sirikit

 

Handwerksdörfer und Textilzentren
In Orten wie Ban Phon (Khon Kaen) können Besucher miterleben, wie die berühmte Seide in Ikat-Technik entsteht, die dank der SUPPORT Foundation weltweit Anerkennung findet. Workshops und Begegnungen mit Weberinnen zeigen, wie Kultur und Einkommen Hand in Hand gehen.

SUPPORT Foundation und Arts of the Kingdom Museum (Ayutthaya)
Hier präsentiert sich das handwerkliche Erbe, das die Königinmutter über Jahrzehnte förderte: filigrane Niello-Metallkunst, feine Seidenstickereien, Holzschnitzereien –gefertigt von Kunsthandwerkern, die durch ihre Programme ausgebildet wurden.

Khon-Vorführungen in Bangkok
Die Royal Khon Performances bieten Besuchern ein Erlebnis thailändischer Hochkultur. Viele Theater und Museen vermitteln die Geschichte des traditionellen Maskentanzes. Ein Besuch im Sala Chalermkrung Royal Theatre ist im Besuch des Grand Palace enthalten.

Naturprojekte und Schutzgebiete
Zahlreiche Orte königlicher Projekte sind heute einfach zugänglich und Teil nachhaltiger Reiserouten – etwa Orchideenzentren, Meeresschildkröten-Stationen an der Andamanensee oder Waldschutzprojekte im Norden. Besucher können an geführten Touren teilnehmen.

Das Queen Sirikit Textilmuseum (Bangkok)
Ein Muss für Kulturreisende: Hier lässt sich nacherleben, wie die Königin traditionelle Stoffe auf die Weltbühne brachte und thailändische Mode neu definierte. Das Museum liegt direkt auf dem Gelände des Grand Palace und gehört zum Besuchsprogramm.

Beste Reisezeit
Nordthailand (Chiang Mai, Chiang Rai) ist von November bis Februar am angenehmsten. Die südlichen Regionen und Seidendörfer können ganzjährig besucht werden.

Martin Schacht
Martin Schacht

Martin Schacht ist Autor des Buches "Gebrauchsanweisung für Thailand" und lebt in Bangkok und Berlin. 1965 in Rendsburg geboren, arbeitet er als Autor von Büchern und Fernsehreportagen für „ARTE“ und andere Sender sowie als Drehbuchautor und Reisejournalist.